Oliver Christmann

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KÜNSTLER Info

Oliver Christmann

Oliver Christmann. Dialektik der Bilder – Malerei zwischen Konstruktion und Intuition.

von Dr. Theresa Nisters

Malerei ist „die Kunst, deren alleiniger Bereich im Unterschied zu Baukunst und Bildnerei die Fläche ist.“ Etymologisch leitet sich die Bezeichnung der künstlerischen Gattung vom althochdeutschen Verb „mālōn“ ab, dessen Bedeutung unterschiedliche Aktivitäten wie „ein Zeichen machen“, „abgrenzen“, „bunt verzieren“, „färben“, „schreiben“, und „im Geist entwerfen“ umfasste. Noch bevor der heute gültige Begriff einer autonomen Kunst definiert wurde, existierte die Malerei somit bereits als eine schöpferische Praxis, die sowohl den materiellen Vorgang des Farbauftrags, der Grenzen zieht, als auch die konzeptuelle Leistung der Zeichenproduktion implizierte.

Die Malerei Oliver Christmanns stößt auf den Grund dieser Konzeption vor. Christmanns Bilder leben von der Vibration farblicher Felder, die sich voneinander absetzen, aufeinanderstoßen, verschwimmen und so schließlich ein ausgewogenes Ganzes bilden. Dabei lässt der bilaterale Bildaufbau die Struktur des künstlerischen Verfahrens sichtbar werden. Denn Christmann konstruiert seine Bilder durch die kontinuierliche Wiederholung zweier widersprüchlicher Gesten. Schicht um Schicht trägt der Maler Acrylfarbe auf die Leinwand, um in einem nächsten Schritt die soeben vollendete Arbeit durch das Abkratzen noch frischer Farbschichten wieder rückgängig zu machen. Die bunten Oberflächen seiner Bilder spiegeln demgemäß die sie hervorbringende, ambivalente Dynamik von Bedecken und Aufdecken, Offenbaren und Verbergen, Schöpfen und Zerstören wider. Zugleich evozieren sie im engen Nebeneinander, der Überlagerung und Durchdringung unterschiedlichster Farbqualitäten eine Tiefenwirkung, die die Fläche des Bildträgers in den Raum öffnet.

Die lebhafte Farbigkeit seiner Gemälde ist indessen nicht die Frucht eines spontanen, rein intuitiven Farbauftrags, sondern resultiert aus einem langwierigen konstruktiven Prozess. Von der bewussten Wahl der malerischen Utensilien bis hin zur präzisen Setzung einzelner Farbakzente lässt Christmann reflektiert in übereinander gelagerten Gitter- und Tupfenstrukturen Farbräume entstehen. Wie die vielschichtigen Oberflächen der Leinwände die Geschichte ihrer Entstehung fragmentarisch aufscheinen lassen, ist auch der Malprozess von Momenten des Innehaltens skandiert, den notwendigen Trockenzeiten der einzelnen Farbschichten. Die unterschiedlichen Dichten des Farbauftrags sowie dessen jeweiliger Trockenheitsgrad vor dem nächsten Arbeitsschritt bestimmen, wie stark die verschiedenen Nuancen ineinanderfließen und sich vermischen. Hat Christmann im Verlauf seiner malerischen Praxis einen Erfahrungsschatz etabliert, der das Resultat seiner dualistischen Gesten von Farbauf- und Farbabtrag einschätzbar macht, so bleibt das Zusammenwirken der verschiedenen Farbschichten im Endergebnis jedoch zu einem gewissen Grad auch für den Künstler „einfach eine Überraschung“ . Diese unbezwingbare Eigengesetzlichkeit der Malerei, die sich zwar „im Geist entwerfen“ , nicht jedoch vollkommen kontrollieren lässt, betont der Maler, indem er erst abschließend auf das durch Freilegung der verschiedenen Farbschichten entstandene Bild reagiert.
Endet der Arbeitsprozess in einem nicht zufriedenstellenden Ergebnis, wird das Gemälde verworfen, geht jedoch in den Erfahrungsschatz ein, aus dem neue Farbkonstruktionen entstehen. Christmann behält nur ausgewogene Kompositionen bei, deren Farbverläufe und Formen in einer Harmonie korrespondieren. Von diesen teilt der Maler eine besonders gelungene, ausdrucksstarke Partie mit einer geraden, zumeist vertikalen Grenzlinie ab und übermalt die übrige Bildfläche nahezu monochrom. Das nicht vollständig deckende, monochrome Farbfeld steht dem bewegten Vibrato der vielgliedrigen Farbstrukturen als ruhiger Pol gegenüber, setzt den organisch wirkenden Farbverläufen und -kontrasten eine klare Ebene gegenüber. Betont diese scheinbar antagonistisch die Tiefenwirkung des ihr entgegenstehenden, vielfarbigen Farbraums, entpuppt sie sich bei eingehender Betrachtung jedoch nicht als opake Oberfläche. Vielmehr lassen die überdeckten Schichten ein Spiel aus Schattenzonen und Lichtflecken auf dem überdeckenden Monochrom entstehen, durch das es strukturiert und in seiner farblichen Materialität hervorgehoben wird.

Es birgt somit dieselben Farbschichten und -formen unter sich, die in der offenen farbigen Struktur zutage treten. Die jeweilige Dichte und Farbigkeit der monochromen Partie wählt Christmann dabei im Verlauf des Arbeitsprozesses. Diese Interdependenz der beiden Farbfelder begründet den schließlich homogenen Bildeindruck. Denn es besteht somit nicht wie der erste flüchtige Blick vermuten lassen könnte, aus zwei Opponenten, sondern fügt sich durch das dialektische Vorgehen des Malers zu einem geschlossenen Ganzen.

Im Wechselspiel von Konstruktion und Intuition gesteht Christmann dem Bild als malerischem Zeichen seine Eigenständigkeit zu. Seine Malerei dient nicht als Repräsentant einer durch sie vermittelten Botschaft, sie offenbart sich nicht leichthin dem Blick des Betrachters, sondern fordert ihn auf zu einem bewussten perzeptiven Akt, in dem sie als eigengesetzliches Gegenüber fungiert. In dieser dialogischen Situation stimulieren Christmanns Bilder das sehende Auge, schicken es auf eine Reise über vielgestaltige Farblandschaften, deren Oberflächen die vielzähligen Schichten ihrer Geschichte erahnen lassen. Nicht vorherbestimmtes Produkt einer klar kalkulierten Strategie, bewahrt Christmanns Malerei eine Freiheit, die sowohl für die Bilder gegenüber eindeutigen Zuschreibungen, als auch für ihren Schöpfer im Arbeitsprozess sowie für den Betrachter in seiner Interpretation gilt. Die sichtbaren Spuren der malenden Gesten geben die Möglichkeit für Assoziationen, erlauben eine Verständigung auf mehreren Ebenen des Malerischen: neben der reinen Wahrnehmung der Farben, ihrem Zusammenspiel und den durch das Aufeinandertreffen verschiedener Flächen entstehenden Spannungen, kann der Betrachter der Materialität der Farbpaste gewahr werden, die nicht flächig deckend, sondern pastos strukturiert Räumlichkeit in sich trägt und schließlich Bezüge zur außerbildlichen Realität ermöglicht.

In dieser Hinsicht machen Christmanns Bilder die Malerei zum Thema der Malerei.
In der Dialektik ihres Aufbaus stellen sie die Fläche als alleinigen Bereich der Malerei in Frage, überschreiten die formale Grenze der Leinwand und verweisen auf die Polyphonie des Malens als historischer, kultureller Praxis. Diese ist weder auf eine bloße Abbildfunktion zu reduzieren, noch ist sie in ihrer Abstraktion als pure Expression des Künstlers misszuverstehen. Trotz ihrer komplexen Konstruktion wendet sie sich auch nicht ausschließlich an die geistigen Fähigkeiten ihres Betrachters, sondern transportiert durch die Farbe Intensität und Körperlichkeit und bleibt offen für figurative Interpretationen. Im Zusammenklang all dieser Aspekte schenkt Christmann seiner Malerei eine unverwechselbare Existenz.

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Ausst.-Kat. Oliver Christmann. Dialektik der Bilder – Malerei zwischen Konstruktion und Intuition, Galerie Josef Nisters, Speyer 2017, S. 4-6.
[1] Jahn, Johannes: Malerei, in: Ders.: Wörterbuch der Kunst. Stuttgart: Alfred Körner Verlag, 1950, S. 305-306, S. 305.
[2] Vgl. Stichwort „malen“, in: Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache. 24., durchges. und erw. Aufl., bearb. von Elmar Seebold, Berlin/New York: De Gruyter 2002, S. 593.
[3] Christmann, Oliver: Gedanken zur Entstehung meiner Arbeit, 2017.
[4] Vgl. Anm. 2.

BIOGRAFIE

1960
Geboren in Heilbronn

1981 – 82
Freie Kunstschule, Stuttgart

1982 – 88
Studium der Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, bei Prof. Grau und Prof. Haegele

1995 – 97
Atelierstipendium der Kunstakademie Stuttgart

1998
Arbeitsstipendium in San Jose, Kalifornien; Galerie Bischoff

AUSSTELLUNGEN

EINZELAUSSTELLUNGEN

2020er

2022
Sabine und Oliver Christmann, Kunsthaus Klüber, Weinheim

2021
Sabine Christmann und Oliver Christmann, Galerie Barbara von Stechow, Frankfurt

2020
Sinnliche Schönheit, Städtische Galerie Bad Wimpfen

2010er

2019
ENJOY – Sabine & Oliver Christmann – Malerei
Stiftung S BC-Pro Arte, Biberach
Städtische Galerie Saarburg
Robert Koepke Haus, Schwalenberg
Galerie Karin Melchior, Kassel

2018
Galerie & Kunsthandel Andreas Henn, Stuttgart

2017
Dialektik der Bilder, Galerie Josef Nisters, Speyer

2016
Energie der Farbe, Galerie Magnus P. Gerdsen, Hamburg
Galerie Albert Baumgarten, Freiburg
Haus Hasenbergsteige 31, Stuttgart, mit Sabine Christmann

2015
Galerie Netuschil, Darmstadt
Galerie ArtEngert, Eschweiler
Galerie Nisters, Speyer
Kunstverein Heidenheim e.V., mit Sabine Christmann

2014
Galerie Henn, Stuttgart, mit Sabine Christmann
pro arte Ulmer Kunststiftung mit Sabine Christmann
Städtische Galerie Wetzlar mit Sabine Christmann

2012
Städtische Galerie im Turm, Donaueschingen
Galerie da entlang, Dortmund, mit Edith Oellers

2011
Galerie Melchior, Kassel
New York Series, Deutsches Generalkonsulat, New York

2010
Städtische Galerie im Fruchtkasten Kloster Ochsenhausen
Kunstverein Emsdetten

2000er

2009
Galerie F.A.C. Prestel, Frankfurt

2008
Schlößchen Schönfeld, Galerie Melchior, Kassel
Kunstverein March
Galerie Tazl, Welz, mit Markus Redl

2006
Galerie F.A.C. Prestel, Frankfurt
Galerie Baumgarte, Bielefeld
Galerie Neher, Essen
Galerie da entlang, Dortmund, mit Manfred Masberg

2005
Galerie Haldemann, Bern, mit Max Roth
Galerieverein Wendlingen

2003
Galerie F.A.C. Prestel, Frankfurt
Sparkassengalerie Schweinfurt
Kunstverein Trossingen

2002
Galerie Apicella-B., Köln
Städtische Galerie Villa Streccius, Landau,
mit Sabine Christmann

2000
Galerie F.A.C. Prestel, Frankfurt
Kunstverein Augsburg, mit Sabine Christmann
Galerie Lenk, Darmstadt

1990er

1999
Galerie Wiechern, Hamburg

1998
Kunstverein Schwäbisch Gmünd
Galerie Fahlbusch, Mannheim
Art Frankfurt, Walter Bischoff Galerie
Galerie Walther, Düsseldorf

1998
Walter Bischoff Galerie, Stuttgart
Kunst Zürich, Walter Bischoff Galerie
State University, San Jose, California

1997
Walter Bischoff Galerie, Berlin
Kunstverein Bruchsal, Damianstor
Galerie F.A.C. Prestel, Frankfurt
Städtische Galerie Kameralamt, Waiblingen

1996
Kunstverein Ellwangen
Walter Bischoff Galerie, Stuttgart
Galerie Walther, Düsseldorf
Galerie im Torschloß, Tettnang

1995
Galerie Eich und Partner, Berlin
Kunstverein Brackenheim
Städtische Galerie „Fauler Pelz“, Überlingen

1994
Aus- und Fortbildungsstätte, Auswärtiges Amt, Bonn

1992
Rathaus Heilbronn

GUPPENAUSSTELLUNGEN

2017

Art Karlsruhe, Galerie Albert Baumgarten, Freiburg
Künstler der Galerie, Galerie LandskronSchneidzik, Nürnberg
3. Galerientage Speyer, Galerie Nisters, Speyer
Affordable ART Fair I Hamburg, Galerie Gerdsen, Hamburg

2016

Galerie Weinberger, Kopenhagen
Affordable Art Fair I Hamburg, Galerie Gerdsen, Hamburg
Art Fair Köln, Galerie Albert Baumgarten, Freiburg
40 Jahre Galerie Albert Baumgarten, Freiburg

2015

Affordable Art Fair I Hamburg, Galerie Gerdsen, Hamburg
Poesie des Lichts, Galerie Nisters, Speyer
Bilder und Skulpturen, Galerie Rieker, Heilbronn

2013

Flora-Flora, Galerie Rieker, Heilbronn
Galerie Melchior, Kassel
Wir treiben´s bunt, Galerie LandskronSchneidzik, Nürnberg
Galerie da entlang, Dortmund

2012

Konfrontationen, Galerie Melchior, Kassel

2011

Art Fair 21, Köln und Kunst Zürich,
Galerie von Braunbehrens, München

2009

Klassische Moderne und Kunst nach 1945, Galerie Neher
Espaces transparent, Galerie Haldemann, Bern
Art Fair 21, Köln und Kunst Zürich, Galerie von Braunbehrens, München

2006

Art Karlsruhe, Galerie F.A.C. Prestel
Gegen den schnellen Blick, 25 Jahre Galerie Haldemann, Bern

2005

Stripes-Lines-Colors, Galerie Exner, Wien
Farbe-Fläche-Form, Galerie Neher, Essen

2003

Der Grüne Salon, Galerie da entlang, Dortmund
Galerie Lea Gredt, Luxemburg
Art Fair 21, Köln, Galerie F.A.C. Prestel, Frankfurt

2002

Kunst im Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands, Galerie Völcker & Freunde, Berlin

2001

Galerientage im Mannheimer Kunstverein,
Galerie Fahlbusch, Mannheim

1999

Industrie- und Handelskammer Frankfurt in Zusammenarbeit mit der Galerie F.A.C. Prestel und dem Städelschen Kunstinstitut, Frankfurt

1998

Kunstverein Speyer, Künstler der Galerie F.A.C. Prestel
Kunst im Bethmannhof, 33 Frankfurter Galerien,
Galerie F.A.C. Prestel, Frankfurt

1994

Große Kunstausstellung München,
Haus der Kunst München

1986

Jahresausstellung des Württembergischen Kunstvereins

SAMMLUNGEN

Städtische Museen Heilbronn
Regierungspräsidium Stuttgart
Kreissparkasse Heilbronn
Ministerium für Frauen, Familie, Weiterbildung und Kunst Baden-Württemberg
Kunstkommission des Deutschen Bundestages
BW-Bank Stuttgart
Sparkasse Frankfurt/Oder
Stadt Waiblingen
Artothek Stuttgart
Museum Villa Haiss, Zell a.H.
LBS Stuttgart
Sparkassenverlag, Stuttgart
SSB-Stuttgart
Item Ulm
Firma Seele, Gersthofen
Deutsche Postgewerkschaft Stadtsparkasse Ludwigshafen/R.
Industrie – und Handelskammer Frankfurt a.M.
Stadtsparkasse Schweinfurt
Centre Francois Baclesse, Luxemburg
Firma Seuffer, Calw
Stadt Weingarten
Sammlung Anton Dörner, Heilbronn
Sparkasse Hohenlohekreis
Augustinum Meersburg
Industria, Stuttgart
Volksbank Bielefeld-Gütersloh eG